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Uwe Trentsch

Meine Geschichte

Ich teile sie, um anderen Betroffenen Hoffnung und Unterstützung zu geben.

Bitte achten Sie auf sich. Dieser Text handelt von Vernachlässigung, Gewalt und sexualisierter Gewalt in der Kindheit, vom Tod eines geliebten Menschen, von Depressionen und Suizidgedanken. Die Taten selbst beschreibe ich nicht. Lesen Sie nur so viel, wie Ihnen guttut. Hier finden Sie Hilfe.

Ich bin 1975 in Kamenz geboren, einer kleinen Stadt in der Nähe von Dresden. Ich bin ein Überlebender sexualisierter Gewalt in der Kindheit. Lange konnte ich das niemandem sagen. Heute sage ich es laut, weil es jemandem helfen kann.

Zu Hause

An mein Elternhaus habe ich kaum Erinnerungen. Geburtstagsgeschenke, Umarmungen, Geschichten vor dem Einschlafen: Nichts davon ist geblieben. Geblieben sind die Familienfeiern, die im Streit endeten, das Gebrüll, der Dreck, die Flaschen. Meine Eltern waren starke Alkoholiker und auch sonst menschlich gesehen echte Nieten. Freunde habe ich nie mit nach Hause genommen.

Dann stand die Jugendhilfe der DDR vor der Tür und nahm mich mit. Meine kleine Schwester blieb zurück. Mir erklärte niemand etwas.

Warum das geschah, weiß ich bis heute nicht genau. Meine Heimakten habe ich nie bekommen. Alles, was ich lesen durfte, ist ein Abschnitt aus einer Stasi-Akte, und auch der ist fast ganz geschwärzt. Lesbar sind nur wenige Worte über meine Eltern: „Labile Person, schlechte häusliche Verhältnisse, starker Trinker“ über meinen Vater und „Feiert Partys, vernachlässigt ihre Kinder“ über meine Mutter. Das ist alles, was ich schwarz auf weiß über diese Zeit habe.

Seite aus einer Stasi-Akte mit der Überschrift Kurzcharakteristiken. Lesbar sind nur wenige Zeilen über die Eltern, fast alles andere ist schwarz überdeckt.
So habe ich es bekommen. Das ist alles, was ich lesen durfte. Die Namen meiner Eltern habe ich für diese Seite überdeckt, und durchscheinende Schrift am linken Rand ist unkenntlich gemacht.

Die erste Zeit im Heim war gar nicht schlimm. Genau genommen waren es wohl die besten Jahre meiner Kindheit.

Hinter verschlossenen Türen

Noch als Grundschulkind wurde ich ohne Erklärung verlegt: in das Spezialkinderheim „Maxim Gorki“ in Weißwasser, ein Heim für sogenannte schwer erziehbare Kinder und Jugendliche. Es lag hinter einem hohen Zaun und glich eher einem Gefängnis als einem Zuhause. Ich war mit Abstand der Jüngste. Ich teilte mir das Zimmer mit älteren Jugendlichen.

Zuerst musste ich den Müll wegbringen, aufräumen und putzen. Blieb etwas liegen, gab es Strafen und Prügel. Dann begann die sexualisierte Gewalt. Sie hörte jahrelang nicht auf, bis kurz nachdem die Mauer gefallen war. Abends wurden die Türen verschlossen, und ich konnte nirgendwohin. Irgendwann gehörte es zum Alltag.

Ich hatte immer wieder blaue Flecken, und mir wurden Zähne ausgeschlagen. Dafür interessierte sich niemand. Ich war starr vor Angst und wusste nicht, an wen ich mich wenden sollte. Der einzige Lichtblick war mein Biolehrer. In seiner Briefmarken-AG verbrachte ich so viel Zeit wie möglich, um abends erst spät zurückzumüssen.

Vieles aus dieser Zeit ist weg. Ich weiß nicht mehr, ob ich dort Freunde hatte. Auf Fotos erkenne ich den Speisesaal nicht. Nur die Erniedrigung ist ganz genau da. Heute weiß ich, dass ich nicht das einzige Kind war, das dort gelitten hat. Forscher haben Vermerke über ähnliche Fälle in Weißwasser gefunden. Sexualisierte Gewalt durfte es in der DDR offiziell nicht geben. Also gab es auch keine Hilfe.

Keine Regeln mehr

Nach der Wende endete meine Heimzeit, und ich sollte zurück zu meinen Eltern. Das kam für mich nicht infrage. Ich kannte sie kaum. Also ging ich weg und landete in Berlin, in einem besetzten Haus. Ich lebte als Punk und bettelte, um über die Runden zu kommen. Mit Regeln und Hierarchien wollte ich nichts mehr zu tun haben. Zum ersten Mal in meinem Leben fühlte ich mich akzeptiert, so wie ich war.

Die erste Liebe

Dann lernte ich Maren kennen, meine erste große Liebe. Auch sie kam aus einer Familie, in der getrunken wurde. Sie verstand mich. Sie war der einzige Mensch, der von dem Missbrauch wusste. Ihr habe ich versprochen, nie aufzugeben und die Finger von Alkohol und Drogen zu lassen. Das Versprechen habe ich bis heute gehalten.

Vier Jahre waren wir zusammen. An meinem 21. Geburtstag wurde sie von einem betrunkenen Autofahrer getötet. Danach wollte ich nicht mehr leben. Dass ich es nicht getan habe, lag an diesem Versprechen. Meinen Geburtstag konnte ich danach viele Jahre lang nicht feiern.

Arbeiten, um nichts zu spüren

Ich lernte Koch und wurde Küchenmeister. Ich arbeitete bis zur Erschöpfung, 16 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Solange ich arbeitete, musste ich nichts fühlen. Ich war auch einer von denen, die ihre Leute anschreien. Das war einfacher, als jemanden an mich heranzulassen.

Ein paar Jahre nach der Wende kam die Vergangenheit zurück. Beim Zahnarzt, als die ausgeschlagenen Zähne ersetzt wurden, hatte ich den ersten Flashback. Flashbacks, Panikattacken, Depressionen und das Misstrauen gegen andere Menschen haben mich lange begleitet. Über Jahre hielt ich es nicht aus, mit anderen Männern allein in einem Raum zu sein.

Die Angst

Eine der schmerzhaftesten Erfahrungen war meine Rolle als Vater. Ich habe drei Töchter, und ich habe als Vater versagt. Zweimal habe ich Frau und Kinder verlassen. Ich war überzeugt, dass ich versagen würde, weil ich Angst hatte, selbst zum Täter zu werden. Diese Angst war so überwältigend, dass ich das Einzige tat, was mir in diesem Moment möglich erschien: Ich bin weggelaufen. Von meinen Kindern. Von meiner Verantwortung. Von mir selbst.

Was ich damals nicht wusste, und was die Gesellschaft bis heute kaum versteht: Menschen, die als Kind sexualisierte Gewalt erlebt haben, werden nicht automatisch zu Tätern. Das Gegenteil ist oft der Fall. Wer selbst gelitten hat, weiß, was Schmerz bedeutet, und trägt dieses Wissen tief in sich. Die weit verbreitete Annahme, dass aus Opfern Täter werden, ist ein gefährliches Vorurteil, das Betroffene zusätzlich belastet und isoliert. Ich habe diese Angst nicht erfunden, sie wurde mir von außen eingeflüstert, und ich habe ihr geglaubt.

Heute weiß ich: Die Gefahr, die ich so sehr gefürchtet habe, war nie wirklich da. Dieses Wissen musste ich mir mühsam erarbeiten, durch Therapie, durch Auseinandersetzung mit mir selbst und durch den Mut, genauer hinzuschauen. Es war einer der schwierigsten, aber auch befreiendsten Schritte meines Lebens.

Der Wendepunkt

Nach der zweiten Trennung ging nichts mehr. Ich kam nicht mehr aus dem Bett, verlor meine Arbeit und sprach mit niemandem. Nach zwanzig Jahren war ich an meinem absoluten Tiefpunkt, und wieder wollte ich nicht mehr leben. Ich dachte an meine Kinder und fragte mich, ob ich gutmachen kann, was ich angerichtet habe.

Ich entschied mich für die Therapie. Neun Wochen war ich in einer Klinik, in einer Gruppe mit Männern und Frauen. Lange hatte ich Angst davor, mich als Opfer zu erkennen zu geben. Dort durfte ich zum ersten Mal ich selbst sein und musste mich nicht mehr verstellen. Ich sah auch, wie lange viele auf einen Platz warten mussten.

Die richtige Therapie half mir, den Missbrauch zu verarbeiten. Für den Alltag brauchte ich etwas anderes: andere Betroffene. Ich nahm meinen Mut zusammen und ging in eine Selbsthilfegruppe. Danach beschloss ich, solche Gruppen selbst aufzubauen, ohne Kosten und ohne Wartezeit.

Selbsthilfe und Öffentlichkeit

So entstand die Selbsthilfegruppe Wildrose Stuttgart, von Betroffenen für Betroffene. Danach kam eine Gruppe für Angehörige dazu. Heute sind die Gruppen unter Wildrose BW zu finden.

Öffentlich habe ich zum ersten Mal in einem Interview gesprochen, das über den Weißen Ring zustande kam, und beim Deutschlandfunk saß ich als Gast in einer Sendung über Opfer von Gewalt. Es ging darum, wie Menschen mit traumatischen Erfahrungen umgehen. Die vielen Rückmeldungen haben mir gezeigt, wie wichtig es ist, offen zu reden. Seitdem spreche ich vor Eltern und Fachkräften, in Kitas, Schulen, Kirchengemeinden und Vereinen.

2017 war ich beim öffentlichen Hearing zum sexuellen Kindesmissbrauch in der DDR in Leipzig. Im selben Jahr erzählte ich meine Geschichte im stern. Ich habe die Kampagne „Luisa ist hier!“ in die Region geholt, damit Frauen in Clubs und Kneipen schnell Hilfe bekommen, und ein Magazin mitgetragen, in dem Betroffene selbst schreiben.

Geholfen haben mir auch Menschen, von denen ich es nie erwartet hätte: die Biker von „Bikers Against Child Abuse“. Ich schrieb ihnen einen Brief, und bald stand ich mit klopfendem Herzen vor all diesen Männern in Lederkluft und erzählte mein Leben. Sie weinten. Ihr Zuspruch hat mir unendlich gutgetan.

Ich bin selbst Mitglied bei B.A.C.A. geworden, und das hat mir wahnsinnig geholfen. Dort habe ich gemerkt, was es bedeutet, dazuzugehören und Menschen hinter sich zu haben. Aus diesen Bikern sind Freunde geworden.

Mit ihnen habe ich auch erlebt, was Beistand für ein Kind bedeuten kann. In Crailsheim habe ich eine Familie begleitet, deren Kind missbraucht worden war. Die Biker standen dem Kind bis in den Gerichtssaal zur Seite. Der Täter wurde zu vier Jahren Haft verurteilt.

Eine Nacht in Leipzig werde ich nicht vergessen. Eine junge Frau sprach mich auf der Straße an und bot sich mir für Geld an. Ich zog 50 Euro aus der Tasche und sagte ihr, sie bekomme das Geld, wenn sie mir beim Essen Gesellschaft leistet. Ich erzählte ihr von meinem Leben, und irgendwann erzählte sie von ihrem. Zum Schluss schrieb ich ihr Adressen auf, wo sie Hilfe bekommt, und sah sie zum ersten Mal lächeln. Ob sie sich je gemeldet hat, weiß ich nicht. Mehr konnte ich an diesem Abend nicht tun.

Heute

Ich habe mein Leben noch einmal umgekrempelt. Nach vielen Jahren in der Küche habe ich Weiterbildungen im Kinderschutz gemacht und bin als Quereinsteiger in die Pädagogik gewechselt. Heute arbeite ich in Teilzeit in einem Kindergarten.

In der Selbsthilfe habe ich meine Frau Sarah kennengelernt. Wir kennen dieses Thema beide aus eigener Erfahrung. Gemeinsam betreuen wir in Althütte Kinder bei uns zu Hause, in unserer Kindertagespflege „Wurzelkinder“. Sarah arbeitet dort in Vollzeit, ich im Nebenerwerb. Bei Bedarf sind wir auch nachts, am Wochenende und an Feiertagen da, für Eltern, die im Schichtdienst arbeiten. Noch vor Jahren hätte ich mir das nicht zugetraut.

2026 wurde ein Tagesvater aus Weinstadt verurteilt, weil er jahrelang Kinder missbraucht hatte. Auch wir bekamen danach kritische Nachfragen. Wir fürchten, dass ein ganzer Berufsstand in Verruf gerät. Deshalb haben Sarah und ich uns an die Presse gewandt. Am meisten hilft es, wenn Eltern Täterstrategien und Warnzeichen kennen. Und wenn wir Kinder stärken: ihnen zuhören, sie ernst nehmen und ihnen zeigen, dass sie Nein sagen dürfen. Kinder zu stärken bedeutet, sie zu schützen.

Ich habe diesen Teil meiner Geschichte hinter mir gelassen. Nicht vergessen, aber integriert. Er gehört zu mir, er hat mich geformt, und er gibt mir heute die Kraft, offen darüber zu sprechen. Die Flashbacks kommen noch, aber seltener. An meinem Geburtstag bin ich morgens noch immer traurig. Dann nimmt der Erwachsene von heute den kleinen Uwe an die Hand und sagt: „Komm, Kleener, alles wird gut.“

Vielleicht hilft es jemandem, der gerade in derselben Dunkelheit steht, zu wissen: Es gibt einen Weg hinaus.

Mein Weg zur Heilung

Drei Schritte waren für mich entscheidend.

  1. Selbstakzeptanz

    Ich habe gelernt, meine Erfahrungen nicht als Makel zu sehen, sondern als Teil meiner Geschichte. Erst dadurch konnte ich beginnen, mich selbst wertzuschätzen.

  2. Aufarbeitung der Traumata

    In der Therapie habe ich mich intensiv mit den Erlebnissen aus meiner Kindheit auseinandergesetzt. Das war schmerzhaft. Aber es half mir, die Ereignisse einzuordnen und mich von der Schuld zu befreien.

  3. Aufbau von Resilienz

    Durch die Arbeit an mir selbst und die Unterstützung meines Umfelds habe ich nach und nach Wege gefunden, besser mit Rückschlägen umzugehen und meine Stärken auszubauen.

Warum ich das tue

Eigene Erfahrung

Ich weiß, wie wichtig Unterstützung und Verständnis auf diesem Weg sind.

Wunsch nach Veränderung

Betroffene sollen in Zukunft besser geschützt und begleitet werden.

Hoffnung

Wenn andere Schritt für Schritt vorankommen, freut mich das sehr. Ein selbstbestimmtes Leben ist möglich.

Was ich fachlich mitbringe

  • Pädagogische Fachkraft
  • Fachkraft für Kinderschutz, Insoweit erfahrene Fachkraft (IEF)
  • Präventionsreferent, zugelassen in der Diözese Rottenburg-Stuttgart
  • Psychologischer Berater
  • Trainer für Stressmanagement
  • Gastdozent an der DHBW
  • Weiterbildungen: Basiswissen Kinderschutz, Schutzkonzepte in Institutionen, Frühe Kindheitsbelastungen, Schutz und Hilfe bei häuslicher Gewalt, Schutzkonzepte in Krankenhäusern

Zu meinem Engagement

Wenn es gerade zu viel wird

Hilfe-Telefon Sexueller Missbrauch: 0800 22 55 530
kostenfrei und anonym, Mo, Mi, Fr 9–14 Uhr, Di, Do 15–20 Uhr

Telefonseelsorge: 0800 111 0 111
kostenfrei, rund um die Uhr

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